Kinder im Haushalt: wie sie früher mithalfen
Kinder hatten früher feste Aufgaben: Botengänge, Wasser und Kohle holen, Geschwister hüten, sammeln und ernten – warum das nötig war und was davon bleibt.
Kinder im Haushalt hatten früher feste Aufgaben, und zwar keine symbolischen. Wasser holen, Kohle tragen, Botengänge, jüngere Geschwister hüten, Vieh füttern, bei der Ernte helfen – das war eingeplante Arbeitskraft, nicht Erziehung zur Selbstständigkeit.
Der Grund war schlicht Rechnerei. Ein Haushalt ohne fließendes Wasser, ohne Waschmaschine und ohne Heizung im heutigen Sinn brauchte täglich mehrere Stunden reine Versorgungsarbeit. Ohne die Kinder wäre das nicht zu schaffen gewesen.
Was Kinder im Haushalt zu tun hatten
| Aufgabe | Ab welchem Alter |
|---|---|
| Botengänge zum Kaufmann | etwa 6 Jahre |
| Geschirr abtrocknen, Tisch decken | 6 bis 7 Jahre |
| Schuhe putzen, Messer wetzen | 7 bis 8 Jahre |
| Kohle und Holz holen | 8 bis 10 Jahre |
| Jüngere Geschwister beaufsichtigen | 8 Jahre |
| Vieh füttern, Kaninchenfutter holen | 8 bis 10 Jahre |
| Feld- und Erntearbeit | 10 Jahre |
| Stopfen, Flicken, Stricken | ab der Schule |
Die Botengänge waren dabei die häufigste Aufgabe überhaupt. Weil täglich in kleinen Mengen eingekauft wurde und kein Telefon existierte, lief ein Kind mehrmals am Tag zum Laden – ausführlich unter Der Krämerladen.

Oma wusste es – oder doch nicht?
„Früher mussten Kinder hart arbeiten – das war Kinderarbeit.“
Beide Vereinfachungen führen in die Irre. Es war weder das idyllische Mithelfen, als das es erinnert wird, noch durchgehend Ausbeutung. Schulpflicht und Kinderarbeitsschutz gab es seit dem 19. Jahrhundert, für die Landwirtschaft galten allerdings Ausnahmen – die Mithilfe im elterlichen Betrieb war ausdrücklich zulässig. Die sogenannten Kartoffelferien im Herbst waren offiziell dafür da, dass Kinder bei der Ernte helfen konnten. Wie weit das ging, hing vom Einzelfall ab: In einem Handwerkerhaushalt in der Stadt bedeutete Mithilfe Botengänge und Geschirr, auf einem kleinen Hof konnte es mehrere Stunden Feldarbeit täglich heissen. Wer verallgemeinert, wird beiden Wirklichkeiten nicht gerecht.
Teilweise – der Umfang hing stark von Ort und Schicht ab
Wasser und Kohle holen
In Wohnungen ohne Wasseranschluss in der Küche wurde am Hof- oder Etagenhahn geholt, in Eimern, mehrmals täglich. Zum Waschen, zum Kochen, zum Putzen – und am Waschtag in erheblich größeren Mengen.
Die Kohle kam aus dem Keller, eimerweise. Bei mehreren Öfen im Haus bedeutete das täglich mehrere Gänge über Treppen, dazu die Asche in die Gegenrichtung, wie unter Wie früher geheizt wurde beschrieben.
Beides waren typische Kinderaufgaben, weil sie keine Fertigkeit erforderten, sondern Zeit und Wege. Und weil die Erwachsenen in dieser Zeit anderes zu tun hatten.
Die Handarbeit
Ein eigener Bereich, in dem Kinder im Haushalt nicht nur zuarbeiteten, sondern eine Fertigkeit erwarben.
Mädchen lernten in der Schule Stopfen, Flicken, Stricken und Sticken, und das war kein Zierfach. Die Übungsstücke wurden zu Hause weiterverwendet, und mit zehn Jahren konnte ein Kind Socken stopfen und Knöpfe annähen.
Ein Teil der Aussteuer entstand ebenfalls in dieser Zeit – Monogramme und einfache Wäschestücke, die in die Truhe wanderten. Mehr dazu unter Die Aussteuer.
Jungen lernten in der Regel andere Fertigkeiten: Werkzeugpflege, Holzarbeiten, im ländlichen Raum den Umgang mit Tieren. Die Trennung war deutlich und wurde selten hinterfragt.
Die Aufsicht über die Geschwister
Die folgenreichste Aufgabe, und die am wenigsten beachtete. In Familien mit vier, fünf oder mehr Kindern übernahm das älteste Mädchen einen erheblichen Teil der Betreuung – füttern, wickeln, hüten, zur Schule bringen.
Für die Mutter war das die Voraussetzung, um Waschtag, Einkochen und Feldarbeit überhaupt zu bewältigen. Ohne diese Entlastung wäre der Tagesablauf nicht aufgegangen.
Für die ältesten Töchter bedeutete es, dass Kindheit und Verantwortung sich überschnitten. Viele beschreiben rückblickend, dass sie kaum eigene freie Zeit hatten, während die jüngeren Geschwister deutlich mehr davon kannten.
Die Rollenverteilung war dabei klar: Kinder im Haushalt hiess für Mädchen Versorgungsarbeit, für Jungen eher Aussenarbeit. Ausnahmen gab es, die Regel war eindeutig.
Sammeln als eigene Kategorie
Was in der Natur wuchs, wurde von Kindern geholt. Beeren, Pilze, Bucheckern, Fallobst, Hagebutten – und in den Nachkriegsjahren organisiert über die Schule.
- Ährenlesen nach der Getreideernte, was liegen blieb, wurde aufgesammelt.
- Kartoffelstoppeln auf abgeernteten Feldern.
- Hagebutten und Kräuter für Tee und Vorrat, siehe Hagebutten verarbeiten.
- Löwenzahn und Gras als Kaninchenfutter, täglich.
- Holz und Reisig im Wald, soweit erlaubt.
Das Kaninchenfutter ist dabei das unterschätzteste Beispiel. In sehr vielen Haushalten standen Ställe hinter dem Haus, und die Tiere mussten täglich versorgt werden – eine Aufgabe, die praktisch immer bei den Kindern lag.
Kinder im Haushalt: wie viel Zeit blieb
Mehr, als die Aufzählung vermuten lässt – aber anders verteilt. Die Aufgaben waren über den Tag verstreut und dauerten selten lange am Stück; dazwischen lag Zeit auf der Straße, im Hof und auf dem Feld.
Was fehlte, war organisierte Freizeit. Es gab keine Nachmittagsbetreuung, keine Fahrdienste zu Terminen und kaum gekauftes Spielzeug. Gespielt wurde draußen, mit dem, was da war, und in gemischten Altersgruppen – die Aufsicht durch ältere Geschwister war Teil des Systems.
Der Sonntag war davon ausgenommen, zumindest teilweise. Wie er ablief, steht unter Der Sonntag früher.
Das Taschengeld gab es kaum
Bezahlt wurde die Mithilfe in der Regel nicht. Sie galt als selbstverständlicher Beitrag zum Haushalt, so wie das Essen selbstverständlich auf dem Tisch stand.
Regelmässiges Taschengeld setzte sich erst in den 1950er- und 1960er-Jahren allmählich durch, und auch dann in kleinen Beträgen. Verdient wurde eher ausserhalb: Zeitungen austragen, beim Bauern helfen, Beeren an den Händler verkaufen.
Was Kinder im Haushalt an Gegenleistung bekamen, war anderes – die Erlaubnis zum Spielen nach getaner Arbeit, gelegentlich ein Groschen für den Botengang, an Feiertagen etwas Süsses.
Dass Arbeit und Geld nicht zusammenhingen, war für viele die eigentliche Erfahrung dieser Zeit: Man half, weil es nötig war, nicht weil sich etwas dafür kaufen liess.
Was sich geändert hat
Die Aufgaben sind weggefallen, nicht die Kinder. Fließend Wasser, Zentralheizung, Waschmaschine, Kühlschrank und der wöchentliche Großeinkauf haben genau die Arbeiten überflüssig gemacht, die Kinder übernahmen.
Dazu kam die längere Schulzeit und ein verändertes Verständnis von Kindheit. Was als Mithilfe galt, gilt heute schneller als Belastung – und was damals nötig war, ist es heute nicht mehr.
Was davon heute noch funktioniert
Der Gedanke, dass Kinder im Haushalt feste, wirkliche Aufgaben haben, statt symbolischer. Tisch decken, Wäsche aufhängen, einkaufen gehen – Arbeiten, die tatsächlich anfallen und die jemand sonst erledigen müsste.
Der Unterschied zu früher liegt im Zwang. Damals war die Mithilfe Voraussetzung dafür, dass der Haushalt funktionierte; heute ist sie eine Entscheidung. Genau das macht sie zu etwas anderem, auch wenn die Handgriffe dieselben sind.
Häufige Fragen
Welche Aufgaben hatten Kinder früher im Haushalt?
Botengänge zum Kaufmann, Geschirr abtrocknen, Schuhe putzen, Kohle und Holz holen, jüngere Geschwister beaufsichtigen, Vieh füttern und bei der Ernte helfen. Dazu kamen Stopfen und Flicken, die in der Schule gelernt wurden.
Ab welchem Alter halfen Kinder mit?
Botengänge und einfache Küchenarbeiten ab etwa sechs Jahren, Kohle holen und Geschwister beaufsichtigen ab acht, Feld- und Erntearbeit ab etwa zehn.
War das Kinderarbeit?
Der Umfang hing stark von Ort und Schicht ab. Schulpflicht und Kinderarbeitsschutz gab es, für die Mithilfe im elterlichen Betrieb galten aber Ausnahmen. Die Kartoffelferien waren offiziell für die Erntehilfe gedacht.
Was sammelten Kinder früher?
Beeren, Pilze, Bucheckern, Fallobst, Hagebutten und Kräuter, dazu Ähren nach der Getreideernte und liegen gebliebene Kartoffeln. Täglich anfallend war das Grünfutter für die Kaninchen.
Warum ist das heute weggefallen?
Weil fließend Wasser, Zentralheizung, Waschmaschine, Kühlschrank und der wöchentliche Großeinkauf genau die Arbeiten überflüssig gemacht haben, die Kinder übernahmen.
Verwendete Quellen
- Haushaltsbuch für die junge Frau, 1952 — Verteilung der Hausarbeit, Aufgaben für Kinder
- Lehrplan Handarbeitsunterricht, Volksschule, 1950er — Stopfen und Flicken als Unterrichtsinhalt