Wolle aufribbeln: aus altem Pullover neues Garn
Wolle aufribbeln wie früher: warum die Nahtprobe entscheidet, wie das Garn entkringelt wird und wie viel ein alter Pullover tatsächlich hergibt.
Wolle aufribbeln heißt, ein gestricktes Teil wieder aufzutrennen und das Garn erneut zu verwenden. Aus einem zu klein gewordenen Kinderpullover wurden Socken, aus einem durchgescheuerten Herrenpullover eine Mütze. Das funktioniert bis heute – aber nur bei Ware, die wirklich gestrickt und nicht überlockt zusammengenäht ist.
Diese Unterscheidung ist der entscheidende Punkt, und sie klärt sich in einer Minute an der Naht.
Die Nahtprobe entscheidet
Handgestrickte und hochwertig gefertigte Stücke werden mit einer Kettelnaht oder von Hand zusammengenäht. Diese Naht lässt sich auftrennen, und die Maschen darunter sind unversehrt.
Industrieware wird meist überlockt: Die Teile werden zugeschnitten und die Kante gleichzeitig versäubert. Dabei wird das Gestrick durchgeschnitten – jede Reihe endet in der Naht, und beim Auftrennen fallen kurze Fäden an.
| Naht | Erkennbar an | Aufribbeln |
|---|---|---|
| Kettelnaht | ein Faden, der sich ziehen lässt | ja, vollständig |
| Von Hand genäht | sichtbare Einzelstiche | ja |
| Overlocknaht | umschlungene Schnittkante | nein, nur Flächen nutzbar |
| Verklebt oder gewalkt | Filzstruktur, keine Maschen | nein |
Bei Overlockware bleibt trotzdem etwas übrig: Die großen Flächen zwischen den Nähten geben Garnstücke von ein bis zwei Metern. Für Flickarbeiten und zum Socken stopfen reicht das.

Wolle aufribbeln: die sieben Schritte
- Waschen vor dem Auftrennen. Das Stück wird zuerst gereinigt, solange es noch Form hat – lose Wolle wäscht sich schlechter.
- Nähte öffnen. Den Kettelfaden suchen und ziehen. Er löst sich meist in einem Zug.
- Von oben nach unten auftrennen. Gestrickt wird von unten nach oben, aufgeribbelt wird deshalb in der Gegenrichtung – am Halsausschnitt beginnen.
- Zum Strang wickeln. Um eine Stuhllehne oder die Unterarme, nicht zum Knäuel. Der Strang wird an drei bis vier Stellen locker abgebunden.
- Entkringeln. Der Strang wird gewaschen oder bedampft, damit die Wellen verschwinden.
- Trocknen lassen, hängend und leicht beschwert.
- Erst dann zum Knäuel wickeln – locker, damit die Elastizität erhalten bleibt.
Oma wusste es – oder doch nicht?
„Aufgeribbelte Wolle ist so gut wie neue.“
Fast, aber nicht ganz. Die Faser selbst hält jahrzehntelang – Wolle ist in dieser Hinsicht bemerkenswert langlebig, und ein dreissig Jahre alter Pullover liefert brauchbares Garn. Was nachlässt, ist die Elastizität: Das Garn wurde bereits einmal gedehnt und gestrickt, und nach dem zweiten Verstricken fällt das Gestrick etwas weicher aus. Zwei Punkte gehören zusätzlich geprüft. Erstens Mottenschäden – kleine Löcher bedeuten kurze Fäden und häufige Ansatzstellen. Zweitens die Farbe: Ausgeblichene Stellen an Schultern und Ärmeln bleiben sichtbar, wenn das Garn neu verstrickt wird.
Teilweise – die Faser hält, die Elastizität lässt nach
Das Entkringeln
Aufgeribbelte Wolle ist wellig wie ein Telefonkabel, weil sie die Maschenform behalten hat. Wer sie so verstrickt, bekommt ein ungleichmäßiges Maschenbild.
Der klassische Weg ist das Waschen: Der Strang wird in lauwarmem Wasser mit Wollwaschmittel eingeweicht, vorsichtig ausgedrückt – nicht gewrungen – und hängend getrocknet. Ein leichtes Gewicht am unteren Ende zieht die Wellen heraus.
Schneller geht es mit Dampf: Den Strang über kochendes Wasser halten oder mit dem Bügeleisen bedampfen, ohne ihn zu berühren. Danach ebenfalls hängend trocknen lassen.
Zu viel Gewicht ist ein Fehler. Die Wolle wird dann überdehnt und verliert genau die Elastizität, die sie noch hat.
Warum überhaupt aufgetrennt wurde
Weil Wolle teuer war. Handstrickgarn kostete einen erheblichen Teil eines Wochenlohns, und ein Pullover war kein Kleidungsstück für eine Saison, sondern ein Materialvorrat auf Jahre.
Dazu kam der praktische Anlass: Kinder wachsen. Ein Pullover, der nach zwei Jahren zu klein war, wurde nicht weitergegeben, sondern aufgetrennt und in der nächsten Grösse neu gestrickt – oft mehrfach hintereinander.
In den Kriegs- und Nachkriegsjahren wurde Wolle aufribbeln zur Notwendigkeit. Es gab schlicht kein neues Garn zu kaufen, und aufgetrennt wurde alles, was Maschen hatte: Decken, Unterwäsche, Militärbekleidung.
Der Handarbeitsunterricht in der Volksschule lehrte das Verfahren ausdrücklich. Es gehörte zum Grundwissen wie das Stopfen und das Flicken.
Wie viel Garn ein Pullover liefert
Ein Herrenpullover in Größe L ergibt je nach Garnstärke 400 bis 700 Gramm Wolle. Das reicht für zwei bis drei Paar Socken, eine Mütze mit Schal oder einen Kinderpullover.
Gerechnet wurde früher genau umgekehrt: Nicht was reicht wofür, sondern was ist da – und daraus ergab sich, was gestrickt wurde. Ein aufgetrennter Pullover war ein Materialvorrat, kein Projekt.
Reste unterschiedlicher Farben wurden zu Ringelsocken, Topflappen und Flickenwolle. Genau daher stammt das gestreifte Muster vieler alter Strickstücke – es war keine Modeentscheidung.
Wolle aufribbeln: die Ausrüstung
Viel braucht es nicht, aber zwei Dinge machen den Unterschied. Das erste ist eine Haspel oder ein Ersatz dafür: eine Stuhllehne, die Rückenlehne zweier gegenüberstehender Stühle oder die eigenen Unterarme.
Das zweite ist Geduld beim Wickeln. Wer das Garn stramm zum Knäuel zieht, dehnt es dauerhaft – die Elastizität ist danach weg. Locker gewickelte Knäuel dagegen erhalten die Sprungkraft.
In alten Haushalten gab es dafür eigene Geräte: die Garnwinde oder Haspel zum Abwickeln und den Wickler zum Aufwickeln. Beide finden sich bis heute auf Flohmärkten und funktionieren unverändert.
Wer zu zweit arbeitet, braucht gar nichts: Einer hält den Strang zwischen den Händen, der andere wickelt. Genau dieses Bild – zwei Menschen und ein Wollstrang – gehört zu den verbreitetsten Erinnerungen an Winterabende in dieser Zeit.
Was sich zum Aufribbeln lohnt
- Reine Wolle und Wollmischungen mit hohem Wollanteil – langlebig und elastisch.
- Dicke Garne – leichter aufzutrennen und schneller neu zu verstricken.
- Glatt rechts gestrickte Flächen – lösen sich problemlos.
- Nicht lohnend: Mohair und Angora, weil die Fasern verhaken.
- Nicht lohnend: stark gefilzte Stücke – dort sind die Maschen verbunden.
- Nicht lohnend: dünne Garne mit vielen Ansatzstellen bei Mottenschäden.
Was davon heute noch funktioniert
Das Verfahren unverändert. Wolle aufribbeln ist eine der Techniken, bei denen sich nichts verbessern ließ, weil es nur um Auftrennen, Waschen und Wickeln geht.
Was sich geändert hat, ist die Ausgangslage. Industriell überlockte Ware lässt sich nicht mehr vollständig auftrennen, und billige Mischgarne lohnen den Aufwand oft nicht. Bei gutem Wollgarn dagegen rechnet es sich weiterhin – Handstrickgarn kostet erheblich, und ein einziger alter Pullover ersetzt mehrere Knäuel. Warum sich Reparieren grundsätzlich lohnt, steht unter Reparieren statt wegwerfen.
Häufige Fragen
Lässt sich jeder Pullover aufribbeln?
Nein. Nur Stücke mit Kettelnaht oder von Hand genähten Nähten lassen sich vollständig auftrennen. Bei überlockter Industrieware ist das Gestrick durchgeschnitten, dort fallen nur kurze Fäden an.
In welche Richtung wird aufgeribbelt?
Von oben nach unten, also gegen die Strickrichtung. Gestrickt wird von unten nach oben, deshalb beginnt man beim Auftrennen am Halsausschnitt.
Wie bekommt man die Wellen aus der Wolle?
Durch Waschen oder Bedampfen. Der zum Strang gewickelte Faden wird in lauwarmem Wasser eingeweicht oder über Dampf gehalten und anschließend hängend mit leichtem Gewicht getrocknet. Zu viel Gewicht überdehnt das Garn.
Wie viel Wolle liefert ein Pullover?
Ein Herrenpullover in Größe L ergibt je nach Garnstärke 400 bis 700 Gramm. Das reicht für zwei bis drei Paar Socken, eine Mütze mit Schal oder einen Kinderpullover.
Ist aufgeribbelte Wolle so gut wie neue?
Die Faser hält jahrzehntelang, die Elastizität lässt aber nach, weil das Garn bereits einmal verstrickt war. Zusätzlich sollte man auf Mottenschäden und ausgeblichene Stellen achten.
Verwendete Quellen
- Haushaltsbuch für die junge Frau, 1952 — Auftrennen und Wiederverwenden von Strickwaren, Entkringeln durch Waschen
- Lehrplan Handarbeitsunterricht, Volksschule, 1950er — Aufribbeln als Übung, Ringelsocken aus Restwolle